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Die Idee

Wie ich auf die Idee kam eine Radtour zu machen

 

Es war Hochsommer, draußen herrschte ein Klima, als seien wir in den Tropen und ich lag mal wieder während einem der schlimmeren Chemoblöcke in meinem Krankenhausbett.

Alles war Mist; mir tat einfach jeder Zentimeter des Körpers auf unterschiedliche Art und Weise weh und alle Besucher, die ich in diesen Tagen erwartet hatte, kamen mit dem gleichen Satz durch die Tür: “Habt ihr das aber schön kühl hier, draußen herrscht indischer Sommer!” Wie gerne hätte ich mit ihnen getauscht und auch über zu heiße Tage und Regen gejammert. Ich wollte einfach nur weg, weg von den Maschinen, die mir das Gift in den Körper pumpten, weg aus dem Krankenhausalltag, weg von all den besorgten Gesichtern, die immer wieder die Hilflosigkeit der Situation offenbarten....

 

“Je weiter, desto besser und einfach nur das pure Leben durch mich hindurch fließen lassen.”

 

Die Ärzte hatten mir gerade mal wieder gesagt, dass sie vermuten, dass ich mein Bein nie wieder richtig nutzen können werde, da einfach zu viele Muskeln fehlten und durch das viele Liegen und die fehlende Belastung das Knie schon relativ steif geworden war. “Alles Mist!” dachte ich, aber wie ich es mir im Laufe der ersten Chemomonate angewöhnt hatte, setzte relativ schnell mein Überlebenstrotz ein. “Jetzt erst recht!” wurde in diesem Jahr zu meinem Mantra.

Man sagte mir ab April, dass ich mich von meinem Bein verabschieden müsse, weil nichts mehr zu retten sei; im Mai wachte ich aus der Narkose auf und hatte mein Bein.

Man sagte mir im Juni, ich werde nicht mehr richtig damit laufen können; Ende August war ich im Haus schon wieder relativ zügig mit meinen Krücken unterwegs. Warum sollte ich mir also mit solchen Prognosen den Tag versauen lassen? Je öfter ich von Ärzten in dieser Hinsicht ein “Nein” höre, desto lauter schreit mein Körper ”Ja”. Eine gewisse Trotzhaftigkeit und Ignoranz der Lage sind nach wie vor hilfreiche Motivationsstützen.

 

2000km, aber wo soll`s lang gehen...

 

Es war einer der miesesten Tage während der Hochdosis-Phase, als mir mein Trotz diesen Floh ins Ohr setzte. “Ganz oder garnicht” war die Devise, also sagte ich mir, ich möchte 2000 km in sieben Wochen fahren, am besten begleite ich einen Fluss von seiner Quelle bis zur Mündung, so umgehe ich allzugroße Berge und sehe von Woche zu Woche, wie sich mit mir, auch der Charakter des Flusses verändert.

So fiel meine Wahl als erstes auf die Donau, das wäre mit der Kilometerzahl gut hingekommen und ich hätte mir als Belohnung das Zsiget-Festival auf der Donausinsel in Budapest, zu dem ich immer schon mal reisen wollte, als Halbzeit-Ziel setzen können. Eine wirklich schöne Vorstellung, die mich tagelang in meinem Chemikalienrausch beschäftigte.

Nach der ersten Träumerei kam wie üblich die Ernüchterung. So viele verschiedene Länder, mit unterschiedlichen Sprachen und Sitten, das machte mir Angst. Was wäre, wenn ich in einem Streckenabschnitt hängenbliebe, die Sprache nicht beherrschte und mir selbst nicht mehr zu helfen wüsste? Mit meinem Handycap war mir das eine zu große Hürde. Also überlegte ich weiter. "2000 km wollen ja auch erstmal gefahren werden, die bringt man ja nicht so einfach irgendwo unter." Außerdem wollte ich die Möglichkeit haben, jederzeit bei gesundheitlichen Bedenken eine gute Krankenversorgung gewährleistet zu wissen.

Ja, für den Anfang würde es wohl Deutschland bleiben müssen, Deutschland ist aber nicht 2000km breit, oder lang... blöd.... ;)

In der folgenden Woche standen wieder die allseits verhassten MTX-Chemos auf dem Plan, die nur den einen entscheidenden Vorteil haben, dass man neben der absolut körperlichen Anstrengung, fit im Kopf bleibt (was nicht zuletzt durch die unglaublich hohen Dosen Cortison zustande kommt). So kam ich in einer der durchwachten Nächte, in einem dämmerähnlichen Zustand, auf die glorreiche Idee: “Heureka, ich fahre an verschiedenen Flüssen entlang und arbeite mich so in Schlangenlinien durch das Land.” Ich wollte sowieso unbedingt mal an den Bodensee fahren, da dort ab 2013 eine mittelalterliche Klosterstadt nachgebaut wird, mit den gleichen Methoden wie vor hunderten von Jahren. Somit hatte ich auch gleich einen Startpunkt, Messkirch sollte es sein. Im Laufe der folgenden Nächte entwickelte sich auf diese Art und Weise ein immer klareres Bild heraus, wo, warum, und wie ich mich durch Deutschland arbeiten würde.

 

Den Herzenswunsch mit etwas nützlichem Verbinden

Durch mein Studium, in dem ich mich vorwiegend mit Raumsoziologie, Städtebau und Psychologie beschäftigte, war ich sowieso immer wieder fasziniert von Artikeln und Berichten über alternative Wohnformen, umweltneutrale Bauprojekte, Kommunen, Mehrgenerationen-Häuser, Bauwagen-Plätze und so weiter. So fügte es sich wie durch Zauberhand aneinander, dass immer wieder interessante Projekte in der Nähe von Flüssen lagen, die ich als Route auserkoren hatte. (Oder war es andersherum? Dass sich die Route an den Projekten orientierte? Im Chemorausch ließ sich das Eine oft nur schwer vom Anderen trennen)

Relativ schnell war klar, dass meine Radtour zwar mein ganz persönliches Ankämpfen gegen den Krebs und die Behinderung sein würde, aber im Fokus die Suche nach der perfekten Wohnform stehen würde. Also ein Abschließen mit dem akuten Teil der Krankheit und eine intensive Auseinandersetzung wie in Zukunft ein stressreduzierter, umweltbewusster Lebensraum aussehen müsste.

Nicht zuletzt wurde die Überlegung hin zu diesem Fokus auch von der Tatsache unterstützt, dass ich mich anfangs sehr schwer tat, mein bisheriges Leben auf Eis zu legen und wieder zu meinen Eltern zu ziehen.

Vier Monate vor der Entdeckung der Krankheit hatte ich es endlich geschafft mein Leben so einzurichten, wie es es für richtig erachtete. Dieses Leben von jetzt auf gleich gegen ein Leben im Krankenhaus und bei den Eltern einzutauschen hat mir neben der Schockdiagnose Krebs noch einen weiteren Schlag versetzt.

Da ich immer wieder mit diesem Schicksal haderte, habe ich mir relativ frühzeitig bereits Gedanken darüber gemacht, wie man es hätte umgehen können. So entwickelte ich das Konzept einer Wohngemeinschaft, die ausschließlich dazu dient, jungen Erwachsenen in dieser Situation eine Auffangmöglichkeit zu bieten und ihnen die Eigenständigkeit zu erhalten, so weit es mit solch einer schweren Erkrankung überhaupt möglich ist.